Abstand halten – das gilt auch für künstliches Licht an Gewässern

Studie publiziert: LED-Beleuchtung bedroht Wasserinsekten –  Auswirkungen und Schwellenwerte für den Abstand von Beleuchtungen zu Gewässern

2018 wurde im Auftrag des Naturparks eine Studie der Universität Bern durchgeführt, deren Feldstudie nun auch im wissenschaftlichen Kontext publiziert wurde. Der dringende Appell der Forschenden: Beleuchtungen direkt an Gewässern sollten entfernt werden. 

 

Unsere wichtigste Schlussfolgerung ist, dass LED-Beleuchtung eine große Anzahl adulter Wasserinsekten anlocken kann, und dass dieser Anziehungseffekt auch dann vorhanden sein kann, wenn die Leuchten weit vom Bachrand entfernt platziert sind.

James Hale, Forscher
Zur Publikation: Carannante, DBlumenstein, CSHale, JD, & Arlettaz, RLED lighting threatens adult aquatic insects: Impact magnitude and distance thresholdsEcol Solut Evidence20212:e12053. https://doi.org/10.1002/2688-8319.12053

Zusammenfassung

(Verfasser*innen: Claudia Carannante und James Hale)

  1. Ausgangslage
    Die nächtliche Beleuchtung nimmt weltweit zu und verändert sich qualitativ aufgrund der Installierung von weissen LED‐Strassenlampen. Lichtverschmutzung ist eine bekannte Bedrohung für die biologische Vielfalt und die Ökosystemfunktionen. Es bestehen jedoch wichtige Wissenslücken bezüglich des Ausmasses der Auswirkungen und wie diese zwischen Lebensräumen und Expositionsniveaus variieren. Die Störung der Gewässerlebensräume durch künstliches Licht in der Nacht ist besonders besorgniserregend, da sich menschliche Siedlungen und Aktivitäten oft in der Nähe von Oberflächengewässern befinden und viele gewässerbewohnende Arten reagieren empfindlich auf Kunstlicht.
  2. Experiment im Uferbereich
    Mit dem Schwerpunkt auf adulte Wasserinsekten wurde ein experimenteller Ansatz im Uferbereich eines strukturarmen Flusses in einer dunklen ländlichen Landschaft angewandt. Zwei Studien wurden durchgeführt, um a) das Ausmass des Fangeffekts von weissen LED‐Lampen zu quantifizieren und b) zu ermitteln, wie die Fänge an den Lampen mit ihrem Abstand zum Fluss variieren und um Abstandsgrenzwerte zu definieren. In beiden Studien wurden im Hoch‐ bis Spätsommer wiederholt Eintagsfliegen (Ephemeroptera), Köcherfliegen (Trichoptera) und Zweiflügler (Diptera) mithilfe von kombinierten Flugfallen, welche unmittelbar vor tragbaren LED‐Lampen aufgestellt wurden, gesammelt. In Studie A wurden beleuchtete Fallen mit unbeleuchteten Kontrollen verglichen. In Studie B wurden beleuchtete Fallen in sechs Abständen bis zum Maximum von 80 m vom Flussufer aufgestellt.
  3. Annahme bestätigt: Uferinsekten entfernen sich aus ihrem gewohnten Umfeld
    Für jede der drei untersuchten Ordnungen waren die Fangzahlen in der beleuchteten Behandlung signifikant höher als in der dunklen Kontrolle mit mittleren bis grossen Effektgrössen.
  4. Je näher am Ufer, umso mehr Insekten
    Für alle untersuchten Ordnungen nahmen die Fangzahlen an den Lampen mit zunehmender Entfernung vom Flussufer signifikant ab. Starke Rückgänge der Fangzahlen wurden für Trichoptera (ab 10 m) und Epheme–+roptera (40 m) beobachtet, mit einem sukzessiveren Rückgang von Diptera ab 60 m, welcher bis zur maximalen Stichprobenentfernung anhielt.
  5. Empfehlung: Pufferstreifen von 40-60 m entlang von Fliessgewässern
    Synthese und Anwendungen. Bisherige Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass LED‐Beleuchtung für fliegende Insekten weniger anziehend sein kann als Alternativen mit breitem Spektrum. Allerdings beweist diese Studie, dass die Auswirkungen von weissen LED‐Lampen auf fliegende adulte Wasserinsekten nicht abzustreiten sind und sich bis weit über Gewässerlebensräume erstrecken können. Bis genauere Erkenntnisse vorliegen, empfehlen wir gemäss dem Vorsorgeprinzip, dass LED‐Lampen aus einem Pufferstreifen von ca. 40 bis 60 m entlang von Fliessgewässern ausgeschieden werden sollten.